Psychologie Paartherapie Paarberatung

Emotionale Intensität durch Nähe
Liebe, emotionale Sicherheit und Wertschätzung erleben wir am intensivsten innerhalb naher Beziehungen oder Bindungen. In nahen Beziehungen sind aber nicht nur positive Gefühle intensiver, sondern auch negative. Solche negativen Emotionen sind in Partnerschaften schwieriger zu regulieren aufgrund der Intensität, mit der sie erlebt werden. Gelingt dies nicht ausreichend, erleben die Partner eine Beeinträchtigung ihres gegenseitigen Bindungsgefühls.
Entstehen von Bindungsalarm (^)
Ist eine Bindung unsicher, zu distanziert oder signalisiert der
Zustand dieser Bindung, dass wir für den Partner nicht wichtig/bedeutsam sind,
so schlägt unser emotionales Gehirn Alarm. Und es alarmiert uns so lange, bis unser Bindungsgefühl wieder repariert ist und sich „OK“ anfühlt.
Bindungsalarm kann im Wesentlichen auf drei verschiedene Arten entstehen:
1. Wenn es den Partnern nicht
(mehr) gelingt, positive Emotionen
füreinander auszudrücken. Das können "einfache" positive
Emotionen sein wie "ich
freue mich, dich zu sehen" bis zu "ich liebe dich". Positive
Emotionen ausdrücken macht uns verletzlich.
Deshalb unterdrücken oder unterbrechen wir häufig den Ausdruck
derselben. Das aber erzeugt ein Alarmgefühl beim Partner.
2. Bindungsalarm entsteht vor
allem auch dann, wenn negative Emotionen der Verletzlichkeit
wie Angst,
Hilflosigkeit, Traurigkeit,
Scham (etc.) zu oft in reaktive Wut
umgewandelt
werden (fallweise auch Umwandlung in "falschen Stolz" oder Trotz/Sturheit).
Dieses Umwandeln in Wut verhindert, dass unser Partner unsere
Verletzlichkeit sieht. Es dient dem Selbstschutz. Aber es entsteht
dadurch sehr viel negative Nähe.
3. Und
schliesslich kann Bindungsalarm auch entstehen, wenn es den Partnern nicht
gelingt, die Emotionen selber zu regulieren.
Selbstregulation meint, dass es in
einer Partnerschaft wichtig ist, das Bindungsgefühl aufrecht zu erhalten, auch
wenn der
Partner nicht da ist oder nicht unmittelbar auf ein Bedürfnis eingehen
kann.
Das Alarmsystem, das sich beim einen Partner meldet, erzeugt beim andern Partner deswegen häufig einen Gegenangriff oder einen Rückzug. Dadurch entstehen negative Reaktionszyklen, die der Partnerbeziehung längerfristig den Gar ausmachen können.
Wie Angst, Traurigkeit und Scham in Ärger (Wut) umgewandelt werden (^)
Gesunde Wut ist dann vorhanden, wenn es gilt, einem Mitmenschen Grenzen zu setzen, weil diese Grenzen nicht beachtet oder verletzt wurden. Gesunde Wut ist spezifisch und konkret. Sie bezieht sich auf unmittelbar Erlebtes und macht dem Umfeld deutlich, dass es mit einem zu weit gegangen ist. Sie verallgemeinert nicht und verwandelt das Gegenüber nie in einen grundsätzlich bösen, „abartigen“, abzulehnenden Menschen. Gesunde Wut lehnt sich auf gegen konkrete Verletzungen der eigenen Grenzen oder gegen das Nicht-Beachten eines vitalen Bedürfnisses. Ziel ist dabei, dass die Grenzen wieder hergestellt werden respektive dass das Bedürfnis als relevant anerkannt wird.
Daneben gibt es die „ungesunde“ oder reaktive Wut. Diese Wut ist häufiger anzutreffen, insbesondere in Partnerschaften. Sie ist unspezifisch und verallgemeinernd, sie schiesst übers Ziel hinaus und lehnt das Gegenüber häufig affektmässig grundsätzlich ab. Sie verwandelt den Andern in einen „negativen Andern“, ohne ausreichend zu differenzieren. Durch Bindung oder Nähe intensivierte Angst, Traurigkeit oder Scham sowie abgeleitete Gefühle wie "Verlassenheit", "Hilflosigkeit" und "Gekränktheit/Verletztheit" werden häufig in reaktive Wut umgewandelt.
Angriff oder Rückzug als Reaktionstendenz: Heisse oder kalte Wut (^)
Diese reaktive Wut entlädt man dann gegenüber dem Partner verbal in einem Angriff
(heisse Wut). Zum Beispiel in Form von Kritik, durch eine Kränkung oder verletzende Äusserung. Unser Alarmsystem „Bindung“ signalisiert uns nämlich, dass unser Bindungsgefühl zum Partner gerade gestört ist und damit reparaturbedürftig. So ein Angriff bedeutet deshalb nichts anderes als ein Hinweis unserem Partner gegenüber, dass wir uns nicht mehr wohl, geborgen, sicher oder bedeutsam genug in seiner Nähe empfinden.
Gerade so häufig kann auch das Gegenteil passieren. Statt anzugreifen ziehen wir
uns zurück. Hier steht das Bedürfnis im Vordergrund, nicht
noch mehr verletzt zu werden. Wir gehen auf Distanz, entziehen unserem Partner die Nähe und „mauern“. Wir signalisieren dem Partner so, dass wir ihn nicht brauchen und versuchen, auf die Befriedigung unserer Bindungsbedürfnisse zu verzichten (kalte Wut).
Paartherapie: Negativzyklen beenden, Positivzyklen aufbauen
Der erste Schritt einer
Paartherapie ist deshalb zu lernen, wie der beschriebene Negativzyklus beendet
werden kann. Beide Partner müssen lernen, verletzlichere Emotionen unmittelbarer
auszudrücken, statt diese Gefühle in eine reaktive Wut umzuwandeln, die entweder
zu Rückzug oder Angriff führt. Derjenige, der sich eher zurückzieht, gewinnt in
der Regel, wenn er lernt, einen Schritt nach vorne zu machen und schneller und
mutiger ausdrückt, was ihm/ihr auf dem Herzen liegt. Derjenige, der eher Tendenz
hat, anzugreifen, gewinnt, wenn er oder sie lernt, seine unmittelbare Reaktion
zuerst mit sich selber auszumachen und erst in einem zweiten Schritt das
Gespräch mit dem Partner sucht, um die verletzlichere Emotionen auszudrücken.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass wir uns keine negativen Emotionen und
Gefühle auslösen. Das ist normal und oft Anlass als Paar auch zu wachsen und
sich weiterzuentwickeln. Deshalb kann es nur darum gehen, uns so wenig wie nötig
in Alarm zu versetzen und zu lernen, so schnell wie möglich, das Bindungsgefühl
füreinander zu reparieren.
Selbstverständlich besteht eine Paartherapie nicht nur aus dem Beenden von
Negativzyklen. Ebenso wichtig ist es, positive Zyklen der Interaktion wieder in
Gang zu bringen. Für viele ist es eine grosse Herausforderung, negative
Emotionen zu regulieren. Ebenso haben wir auch oft Mühe, Liebe, Zuneigung,
Freude und Stolz/Anerkennung gegenüber dem Partner zuzulassen. Auch der Ausdruck
von positiven Emotionen und Gefühlen kann (wieder-) erlernt werden und macht im
Wesentlichen den zweiten Teil einer Paarberatung aus.
**Leslie S. Greenberg & Rhonda N. Goldmann (2008): Emotion-Focused Couples Therapy. The Dynamics of Emotion, Love, and Power. American Psychological Association. University of Iowa Press (L. Greenberg, emotionsfokussierte Paartherapie, 2008)
**Dr Sue Johnson (2008): Hold Me Tight. Piatkus, Great Britain.
-----------------------------