Psychologie Paartherapie Paarberatung

Worum geht es in einer Paartherapie respektive Paarberatung?
Paartherapien können, bei vorhandener Motivation beider Partner, eine Lösung sein, um Schwierigkeiten in der Beziehung, Krisen und Beziehungsstress zu entschärfen und das Verständnis füreinander zu erhöhen.
Partnerschaft ist ein wichtiger
Bestandteil für das persönliche Wohlbefinden und damit ein wichtiger emotionaler
Wert im Leben von vielen. Eine belastende Partnerbeziehung kann sich stark auf das persönliche Lebensgefühl niederschlagen: Die Kommunikation ist latent
oder auch offen seit langem angespannt. Es finden Auseinandersetzungen statt,
die (sehr) negativ oder stets ergebnislos ver-
laufen. Die Partnerschaft fühlt sich bedroht an und schafft Leiden. Gleichzeitig
werden Auseinandersetzungen gemieden, z.B. aus Furcht, Scham oder Angst, den
Partner zu verletzen respektive verletzt zu werden. Diese und weitere mögliche
Situationen lassen bei den Partnern ein Gefühl der Beziehungskrise entstehen.
Meistens ist dies ein Zeichen, dass die Beziehung nicht mehr einfach so aus der
Krise herausfindet und Hilfe braucht.
Der paartherapeutische Prozess (^)
Das Beziehungs-Erleben wird in das
Dreieck „Partner/eigene Person/Therapeut“ hineingegeben und muss
vom Therapeuten ver-
standen und von den Partnern emotional und gedanklich nachvollzogen werden. Das
Verstehen des Konflikterlebens vom Partner ist vor allem am Anfang des Prozesses
das entscheidende Element. Nur so können Konflikte de-eskaliert werden. Bei
ausreichend er-
folgter Entspannung wird es möglich, bestimmte Muster
(Konfliktzyklen) zu erkennen, die darunter liegenden Gefühle wahrzu-
nehmen, zu benennen, auszudrücken und allenfalls auch zu ändern. Bei den
verschiedenen Etappen eines Paarberatungsprozesses können individuelle
Schwierigkeiten auftauchen. So sind auch Einzelsitzungen denkbar, die ergänzend
zur Paarberatung eingeschaltet werden. So können z.B. emotionale Konflikte unter
Umständen einzeln effektiver bearbeiten werden.
Wann macht eine Paartherapie Sinn? (^)
Eine Reihe von Gründen kann eine Paartherapie sinnvoll machen. Hier eine Auswahl davon:**
- Wenn einer oder beide
Partner sich oft verletzen oder sich in der Beziehung verletzt fühlen.
- Es finden keine oder nur noch sehr selten (vor allem nonverbale),
affektive Gesten statt:
Berührungen, Küsse, Umarmungen, liebenswürdige Blicke,
Begrüssung/Verabschiedung,
"sich einen schönen Tag wünschen" etc.
- Wenn immer nur einer bestimmt oder im Wesentlichen die Entscheidungen
fällt. Dieser Grund
wiegt umso schwerer, je mehr Bereiche davon
betroffen sind (Geld, Ferien,
Freundeskreis, Erziehung, Sex...).
- Bei mangelnder gegenseitiger Unterstützung
- Wenn sich einer oder beide oft unverstanden oder missverstanden fühlt/fühlen
- Wenn Enttäuschung und Kritik nicht oder nicht mehr ausgesprochen
werden können
- Wenn wichtige Wünsche eines Partners nicht mehr
angesprochen oder erfüllt werden
- Wenn einer oder beide Partner sich häufig kritisieren oder kritisiert
werden
- Wenn Ziele oder Pläne für die Zukunft weit auseinander gehen
- Wenn in der Beziehung die sexuelle Befriedigung bei einem oder bei
beiden sehr oder völlig fehlt
- Wenn es kaum noch gemeinsame Interessen gibt
- Wenn der Partner eine Aussenbeziehung eingeht
- Wenn der Partner aufgrund der bestehenden Beziehung psychosomatische
Beschwerden entwickelt.
Ich bin motiviert, aber mein Partner nicht… (^)
Oft gilt es, eingangs Fragen der
Beweggründe, der Auslöser und eben auch der je eigenen Motiviertheit zu klären:
- Wie stehts um die Motivation für eine Paarberatung eines jeden? Diese können
unterschiedlich sein. Das ist normal und sollte zu
Beginn von beiden
Seiten akzeptiert werden.
- Was sind die konkreten Anlässe für eine
Paarberatung?
- Es kann sinnvoll sein, nach zwei, drei Paarsitzungen auch
Einzelsitzungen einzuschalten, weil bestimmte Problemstellungen
effektiver einzel bearbeitet werden können. Anschliessend finden
dann wieder Paarsitzungen statt.
Zwei grundlegende emotionale Konfliktzyklen eines Paares (^)
Grundsätzlich kann man zwei emotionale Konfliktzyklen unterscheiden**. Im ersten geht es um das Gefühl der Bindung, das heisst der Nähe und der affektiven Bedürfnisse. So kommt es oft vor, dass ein Partner Nähe sucht, der andere aber sich sperrt. Es kann auch sein, dass jemand sein Nähe-Bedürfnis nicht klar ausdrücken kann, dafür aber hofft, vom Partner schon "gehört" und "gesehen" zu werden. Das ist dann aber häufig nicht der Fall. Der Ärger und die Frustration führen zu Klagen und Kritiken. Diese Klagen führen zum Rückzug des andern Partners, weil er nicht das Bedürfnis nach Affektivität "sieht" respektive wahrnehmen kann, sondern sich vor Beschuldigungen schützt.
Bei diesen Bindungskonflikten stehen Bedürfnisse nach Nähe respektive die affektive Regulation von "Nähe-Distanz" eines jeden Partners im Zentrum. Typische Probleme rund um diesen Konfliktzyklus sind ein Verlassenheits- und Einsamkeitsgefühl des einen Partners. Der andere Partner hingegen fühlt sich entweder „falsch“, „schuldig“ oder beschämt, diesem Bedürfnis nicht nachkommen zu können oder zu wollen. Oder er kämpft um Respekt von Grenzen, die sich als zu bedroht anfühlen.
Der Nähe-Suchende kann das Sperren als
Entwertung seiner Person, Infragestellung der Bindung an und für sich empfinden und sich deswegen z.B. verzweifelt fühlen.
Um die Verzweiflung zu beruhigen, sucht dieser Partner erneut Nähe. Dieses erneute
Suchen nach Nähe erlebt der andere Partner aber meist als negativ (z.B. als Zwang,
Bedrohung oder Forderung). Dadurch entsteht keine Nähe, sondern erneut Distanz oder Rückzug
und so weiter. Der "Sperrer" oder
"Rückzieher" hat zum Themenbereich Nähe/Intimität nicht selten von sich aus ein eher konflikthafteres Verhältnis.
Mit "konflikthaft" ist gemeint, dass er oder sie Nähe als
"stressiger" und "herausfordernder" wahrnehmen kann als sein Partner.
Dieser grössere Stress kann mit der Partnerschaft selber in einem Zusammen-
hang stehen.
Im zweiten Konfliktzyklus geht es weniger um Nähe, dafür mehr um den Respekt der je eigenen Identität und Wertschätzung des je eigenen Funktionierens. In einem solchen Konfliktzyklus versuchen Partner oft Einfluss auf den andern zu nehmen, um sich die Wertschätzung und die Anerkennung zu sichern. Dies endet aber meistens in Auseinandersetzungen und Kämpfe/Streitereien: Es handelt sich hier um Identitätskonflikte rund um Einfluss und Dominanz und um das Bedürfnis nach Anerkennung. Oft nimmt der eine Partner eine dominante Rolle ein, der andere unterwirft sich. Der Dominante versucht zu bestimmen, welche Sichtweise für beide gilt, versucht vorzugeben, was richtig und was falsch ist und lebt mit dem Gefühl (respektive mit der Belastung), die Probleme des Paares verantwortlicher und besser lösen zu können. Der/die Überangepasste hat zwar auch die Tendenz, sich der Dominanz entgegenzustellen. Der Überangepasste hat dennoch einen Mangel an Selbstbehauptung, Konfliktangst und eine zu grosse Passivität in der Beziehung. Der Dominante erlebt hingegen ein Zuviel an (teilweise unnötiger) Selbstbehauptung sowie ein Zuviel an Einfluss. Er erlebt Differenz und Unterschiede tendenziell als Bedrohung. Die Selbstbehauptung und Bedürfnisse des (überangepassten) Partners können als emotionale Bedrohung der Identität erlebt werden. Oft besteht ein grundsätzliches Problem, seine/ihre Emotionen innerhalb von nahen Beziehungen angemessen zu regulieren.
Der Überangasste muss lernen, sein Funktionieren sowie seine Sichtweise vor dem Andern zu schützen und zu behaupten. Der Dominante gewinnt an Zufriedenheit in der Beziehung, wenn es gelingt, die Perspektive zu wechseln, um die Empfindungen, das Funktionieren und die Sichtweisen des Partners als Möglichkeit anzuerkennen. Der Dominante lernt, dass er/sie eine stabilere und echt wertschätzende Bindung hat, wenn er auf Unentschieden spielt statt auf "Sieg" und Überlegenheit. Der Überangepasste muss lernen, auf einem "Unentschieden" zu bestehen...
Selbstregulierung der Emotionen ohne Partner (^)
In einer Paarberatung geht es darum, sich für den andern Partner zu öffnen, seine Sichtweisen und Präferenzen anzuerkennen und auch schätzen zu lernen. Aber es geht auch darum, nicht nur Bedürfnisse dem andern gegenüber zu formulieren, sondern zu lernen, mit gewissen, unweigerlichen Frustrationen alleine fertig zu werden, weil der Partner nicht immer zur Verfügung stehen kann oder nicht dem eigenen (Ideal-) Bild entsprechen kann. Die eigenen Emotionen regulieren zu lernen ist für das Gelingen einer Paarbeziehung ebenso wichtig wie das Verstehen des Partners und das Eingehen auf seine affektiven Bedürfnisse.
Konfliktzyklen benennen und auflösen. Positive Zyklen neu erleben (^)
Entscheidend beim Auflösen von Konfliktzyklen ist es,
dass sich die Partner wichtige Kerngefühle ohne Beschuldigungen mitteilen und
dabei vom Partner gesehen und gehört werden, aber auch ihren Partner selber
sehen und hören: Hier einige Beispiele:
- Das Gefühl der
Angst um die Bindung und der Einsamkeit in der Beziehung.
- Des
grenzsetzenden Ärgers bei „Verletzungen“ des Identitätsgefühls.
- Der
Verletzung bei Bedrohung der Bindung (z.B. wegen einer Aussenbeziehung).
-
Oder das Gefühl der Verletztheit und Scham, wenn sich einer der Partner
gedemütigt fühlt.
- Das Gefühl der Traurigkeit oder Verlassenheit bei
mangelndem Bindungserleben
- Das Gefühl der Wertlosigkeit bei mangelnder
Wertschätzung und mangelndem Respekt.
- …
Es ist die Aufgabe des Therapeuten, den Ausdruck dieser Gefühle zu erleichtern. Bei diesem Ausdruck der Kerngefühle geht es auch darum, bei sich selber zu entdecken, ob hinter einer "Wut" eher Angst und Verletzlichkeit steckt, welche ausgedrückt werden sollte (statt der "vorgeschobenen" Wut" oder des "falschen" Ärgers). Manchmal erkennen die Partner, dass hinter dem Gefühl, „Opfer“ zu sein, auch „gesunder“ Ärger steckt. (Greenberg, 2008). So kann es gelingen, dass Bindungsbedürfnisse und Wertschätzung wieder anerkannt und auch gelebt werden können. Positive Zyklen des Mögens, Anerkennens, des Stolzes auf den Partner, das Anerkennen der Eigen- und Besonderheiten des Partners sowie das Freuen auf Gemeinsames kann wieder im Paarerleben Platz und Geltung finden.
Therapeutische Prinzipien der Paarberatung (^)
Der Therapeut wird darauf achten, dass jeder Partner sich für das Verstehen des Anderen Zeit nimmt. Das bedeutet manchmal, dass ein zu schnelles Voranschreiten im Gespräch unterbrochen wird zugunsten einer Wiederaufnahme des bereits Gesagten. So versucht der Therapeut, bestimmte Kommunikationsmuster zu unterbrechen, die bisher zu Belastungen oder zu Unzufriedenheit führten. Ebenso kann so der oft notwendige emotionale Perspektivenwechsel (in die Haut des Partners schlüpfen) gelingen. Diese und andere Vorgehensweisen erlauben, die Konfliktzyklen des Paares genauer zu benennen. Werden die Konfliktzyklen besser erkannt, so besteht die Möglichkeit, aus diesen Mustern „auszutreten“ und neue, „gesündere“ Interaktionsmuster anzubahnen. In den Konfliktzyklen stecken immer implizite, nicht-mitgeteilte oder zu wenig wahrgenommene Kerngefühle, die den Bereich der Bindung (Sicherheit, Vertrauen) und den Bereich der Identität (Wertschätzung, Anerkennung) betreffen.
Zusammenbleiben oder Trennung? (^)
Schliesslich kann eine Paartherapie auch dem Zweck dienen, herauszufinden, ob man zusammenbleiben oder sich trennen will. Dies gilt umso mehr für Partner, die sich mit dieser Entscheidung schwer tun und innerlich hin- und herschwanken – manchmal sogar ohne die Zweifel dem andern wirklich mitzuteilen. Das ist für eine Beziehung eine grosse Belastung. Bei sehr unterschiedlichen Ausgangslagen ist es schwierig, eine Paarberatung zu machen: Wenn der eine Partner sich trennen, der andere aber die Beziehung retten will. In diesem Fall kann es Sinn machen, dass zuerst nur mal einer in die „Paarberatung“ kommt, um mit dem Therapeuten das Vorgehen zu klären (siehe auch Artikel "Partnerschaftsdilemma: Partner oder Geliebte(r)?")
Paare und binationale Paare (^)
Dies ist in Beziehungen nicht anders, in denen die Partner unterschiedliche Muttersprachen sprechen und sich in der Regel auf eine der Sprachen als Gebrauchssprache geeinigt haben. Stellen sich aber Schwierigkeiten ein, so kann es zu zusätzlichen Kommunikationsengpässen kommen. Eine Paartherapie oder Paarberatung für binationale Paare ist einfacher, wenn sie von einem Therapeuten geführt wird, der diese Sprachen beherrscht. Insbesondere können hier auch Einzelsitzungen in der jeweiligen Sprache weiterhelfen und den Weg für die Paarberatung ebnen.
**Leslie S. Greenberg & Rhonda N. Goldmann (2008): Emotion-Focused Couples Therapy. The Dynamics of Emotion, Love, and Power. American Psychological Association. University of Iowa Press (L. Greenberg, emotionsfokussierte Paartherapie, 2008)
** Ich habe mich von der Site www.partnerschaft-beziehung.de bei dieser Auflistung inspirieren lassen. Besten Dank!
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